Der Boeselager-Wettkampf

Was 1970 als dreitägige Durchschlageübung ohne Fahrzeuge mit Gruppengefechtsschießen auf dem Truppenübungsplatz zwischen den Bataillonen aus Braunschweig, Lüneburg und Augustdorf begonnen hatte, entwickelte sich bis 1996 zum internationalen Vergleichskampf der Panzeraufklärungsbataillone der Bundeswehr und verbündeter NATO-Staaten.

Maßgebend für diese Entwicklung war die Tatsache, dass OLT Seuffert, Urheber des Wettbewerbes, in diesen Jahren Dezernatsleiter des Truppengattungsdezernats Heeresamt war und somit an entscheidender Stelle für die Einrichtung eines Vielseitigkeitskampfes werben und arbeiten konnte.

Der internationale Vergleich hatte beispielsweise gezeigt, dass häufige abgesessene Beobachtungshalte alliierter Spähtrupps deutlich höhere Beobachtungsleistungen erbrachten. Diese Erkenntnis baute man in die Wettbewerbe ein erzog dadurch zum Verständnis dafür, dass der abgesessene Beobachtungshalt zwar das Vorgehen des Spähtrupps verlangsamt, dafür aber bessere Aufklärungsergebnisse zeitigt. Von Anfang an nutzte man den Spähtrupp-Parcours, in dem ja nichts anderes als unsere Einsatzgrundsätze umgesetzt werden, auch dazu, das Einsatzspektrum der deutschen Panzeraufklärungstruppe der eigenen höheren Führung wie auch den ausländischen Beobachtern vorzustellen. Aufklärung in die Tiefe, Aufklärungseinsatz in großen Räumen und sichere Auftragserfüllung in feindbesetztem Gebieten mögen hier als Stichworte dienen. Schließlich sollte auch demonstriert werden, was der Spähtrupp in toto zu leisten hat und welchen Anforderungen er – in der Auftragsdurchführung ausschließlich auf sich allein gestellt – gegenübersteht.

1988 nahmen in Eutin 24 Teams aus 11 Nationen am Boeselager-Wettbewerb teil. 1992 konnten auf deutscher Seite die neu aufgestellten Panzeraufklärungsbataillone 70 (Gotha) und 80 (Beelitz) erstmals dabei sein. Das in- und ausländische Interesse war überwältigend und erreichte in diesen Jahren ihren Höhepunkt.

1994 waren die Auswirkungen des NATO-Einsatzes auf dem Balkan zu spüren: In diesem Jahr erteilte der Inspekteur des Heeres den Auftrag, den Wettbewerb konzeptionell weiterzuentwickeln.

1996 fanden die neuen Aufgaben des Heeres, auf die Panzeraufklärungstruppe zugeschnitten, Eingang in die Stationen. Themen wie Konvoi-Begleitung, Umgang mit fremden Ethnien, exakte Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten beim Gefechtschießen, Verhandlungen an einem Check-Point – kurz: das inzwischen zum Einsatzalltag der Panzeraufklärer auf dem Balkan gehörende typische Szenario -hielten Einzug in den Wettbewerb; unverändert blieb allerdings der „klassische“ Spähtrupp-Parcours.

In Lüneburg fand 1996 der bisher letzte Boeselager-Wettbewerb statt. Schon 1994 hatte Großbritannien keine Mannschaft zum Wettbewerb nach Freyung entsenden können, da die Kräfte in Bosnien gebunden waren. 1998 musste die Durchführung aufgrund des Engagements der Bundeswehr auf dem Balkan abgesagt werden. Die Ausweitung der Bündnisverpflichtungen, die zeitlich nicht absehbare Einbindung der Panzeraufklärungstruppe in die Kontingentfolge sowie die dadurch bedingte eingeschränkte Verfügbarkeit für andere Vorhaben haben den Inspekteur des Heeres veranlasst, den Boeselager-Wettbewerb insgesamt auszusetzen.

Die Stationen des Wettbewerbs

Das Herzstück bildete der Spähtrupp-Parcours. In dieser „Königsdisziplin“ hatte der Spähtrupp in einer Rahmenlage, in der Kräfte und Absicht des Feindes noch unklar waren, unter Zeitbegrenzung (4 Stunden, einschließlich Befehlsausgabe) und in unbekanntem Gelände über 30 bis 40 km aufzuklären. Er wurde dabei in der gesamten Aufgabenvielfalt der Spähaufklärung gefordert und war zu einer ununterbrochenen Beurteilung der Lage, besonders aber zur ständigen Bewertung der Auswirkungen unterschiedlichster Ereignisse auf die Durchführung seines Auftrages gezwungen. Diese Station war nicht nur die anspruchsvollste, sondern auch die interessanteste des Wettbewerbs.

Auch an der Station Nachtorientierungsmarsch war die Leistung des gesamten Spähtrupps gefordert. Ausgehend von einem Verlust der Fahrzeuge musste er sich durch unbekanntes und feindbesetztes Gebiet zur eigenen Truppe durchschlagen und dabei zahlreiche Zusatzaufgaben erfüllen. Zwischen 18 und 20 km waren, zumeist abseits von Straßen und Wegen und unter Bewältigung schwierigster Orientierungsaufgaben zurückzulegen; eine körperlich wie geistig ungemein anspruchsvolle Aufgabe.

Eine für den Panzeraufklärer unumgängliche Station, an der er seine Leistungsfähigkeit in seiner ureigensten Aufgabe beweisen konnte, war der Militärische Erkennungsdienst: Es galt, Kampffahrzeuge, Handwaffen, Uniformen, Dienstgradabzeichen sowie Luftfahrzeuge anderer Staaten zu identifizieren und aus Verhalten, Kräftegruppierungen und Karteneinzeichnungen des Feindes dessen Absichten und Möglichkeiten zu erkennen und zu melden.

Keine andere Station – neben dem Nachtorientierungsmarsch – forderte und förderte die körperliche Leistungsfähigkeit und den Gruppenzusammenhalt mehr als der Geländelauf über ca. 3.500 m in freiem Gelände. Nicht nur die Strecke, sondern auch die zu überwindenden Hindernisse führten oftmals bis zur Leistungsgrenze.

An der Station Schießen mit Handwaffen wurden die Führungsleistung des Spähtruppführers einerseits und die Schießleistungen des Spähtrupps andererseits bewertet. Im Rahmen eines Gefechtsschießens musste der Spähtrupp die vollkommene Beherrschung seiner Handwaffen beweisen. Neben der Zielbekämpfung kam dabei auch dem munitionssparenden Feuerkampf Bedeutung zu, da Restmunition bewertet wurde.

Der stellvertretende Spähtruppführer musste an der Station Allgemeine Aufgaben im Einsatz sein Leistungsvermögen und die Fähigkeiten seiner Besatzung in unterschiedlichsten Gefechtssituationen unter Beweis stellen. Dabei waren Aufgaben wie Schießen mit der Hauptwaffe des Fahrzeugs, Überwinden bestimmter Geländeteile mit Hindernissen, Absetzen von Meldungen und Verhalten in bestimmten Gefechtssituationen zu erfüllen.

In einer Extrawertung für die deutschen Teilnehmer wurde auch das Übermitteln von Meldungen im Tastfunkbetrieb bewertet. Besonders in diese Station sind zuletzt Aufgaben aus dem Balkan-Einsatz eingeflossen.

Bis 1992 gehörte auch eine Station gefechtsmäßiges Überwinden eines Gewässers ohne Fahrzeuge zum Wettbewerb, wurde aber dann wegen des unverhältnismäßig hohen Trainingsaufwandes gestrichen.

Die einzige Station, an der nur die Leistung des Spähtruppführers gefordert wurde, war die Zusammenarbeit mit Heeresfliegern. Über viele Jahre lautete die Aufgabe, eine Marschstraße und den Verfügungsraum einer Panzeraufklärungskompanie zu erkunden, später hat man neben der Erkundung die aktive Aufklärung mit Hubschrauber integriert. Dabei hatte der Spähtruppführer seinen Spähtrupp aus dem Hubschrauber heraus zu führen, wodurch die intensive Zusammenarbeit zwischen Panzeraufklärern und Heeresfliegern gefördert wurde.

Quelle: Starosta R.; Der Boeselager-Wettbewerb; in: Schwier C. (Hrsg.); „… und die Aufklärer sind immer dabei …“; Munster; 2001: 325-334

Herausgeber von pzaufkl.de/heeresaufklärer.de.
PzAufklAusbKp 3/2, 3./PzAufklBTl 2, BrigSpz 5, Hessisch Lichtenau.
div. Wehrübungen. Letzter Dienstgrad Olt.d.R. (vorl.)

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