Georg Freiherr von Boeselager

Die 3. Kavalleriebrigade, deren Aufstellung Georg Freiherr von Boeselager (Foto) durchführte und deren Kommando er nach zwei Interimskommandeuren übernahm, war wohl einer der interessantesten Verbände der gesamten Wehrmacht. Sie war zu einer Elitetruppe in schwersten Abwehrkämpfen geworden. Und doch hatte ihre Aufstellung und ihre Organisation noch ein weiteres Ziel: Sie sollte die Kerntruppe zum Aufstand gegen die Herrschaft der Nazi-Diktatur werden.

Die Brüder Philipp und Georg von Boeselager gehörten zur Schar derer, die Ritterlichkeit und Ehrgefühl noch ganz hoch ansiedelten. Sie trugen dazu bei, dass im Kriege nicht alle Menschlichkeit verkam. Als er nach schwerer Verwundung als Ordonnanzoffizier bei dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte Generalfeldmarschall von Kluge von den Massentötungen und Verbrechen der sogenannten Einsatzkommandos hörte, gab es für Philipp von Boeselager keine Alternative: Sein Leben galt der Verteidigung des Vaterlandes, aber ebenso dem Kampf gegen das verbrecherische System Hitlers. Mit dieser Einstellung gelangte er in den Verschwörerkreis von Tresckow, wo er sofort wichtige Aufgaben übernahm – denn als Ordonnanzoffizier bei Feldmarschall von Kluge hatte Philipp von Boeselager viele Möglichkeiten, im Sinne von Tresckow Offiziere anzusprechen, von denen er der Meinung war, dass sie sich dem Widerstand zur Verfügung stellen würden oder sollten.

Hierzu gehörte auch sein älterer Bruder Georg, der als Reiterführer in der Armee einen hervorragenden Ruf genoss und schon im Feldzug gegen Frankreich 1940 das Ritterkreuz erworben hatte (er erhielt 1942 das Eichenlaub zum Ritterkreuz und posthum noch die Schwerter – er gehörte damit zu den höchst dekorierten Soldaten der Wehrmacht). Georg von Boeselager hatte nach schweren Einsätzen im Feldzug gegen Russland einen Lehrauftrag an der Waffenschule für Schnelle Truppen in Krampnitz übernommen und war sodann zur Deutschen Heeresmission in Rumänien als Ausbilder der jungen Kavallerieoffiziere versetzt worden.

Als Georg während dieser Zeit Urlaub erhielt, wollte er seine alte Schwadron besuchen. Um nicht zu viele Urlaubstage zu verlieren, verschaffte ihm sein Bruder Philipp von Boeselager mit Genehmigung des Feldmarschalls von Kluge die Möglichkeit, mit einer Kuriermaschine nach Smolensk, unweit des Hauptquartiers der Heeresgruppe Mitte zu fliegen.

Diese Initiative Philipp von Boeselagers sollte zu einem wichtigen Ereignis der Geschichte des militärischen Widerstandes werden. Sie führte nämlich einen der fähigsten und bekanntesten Kavalleriekommandeure zum „“organisierten Widerstand““. Darauf hatte Philipp von Boeselager von Anfang an gesetzt. Feldmarschall von Kluge erlaubte sogar, dass Georg von Boeselager in der Unterkunft des Feldmarschalls Quartier beziehen konnte.

Nun ging alles sehr schnell voran, obwohl man die Sache selbst nicht allzu direkt in den Vordergrund stellte. Man hätte sie gefährden können, weshalb auch Umwege eingeschlagen wurden. So trug bei einem Abendessen der junge Reiterführer vor, die Reiterschwadronen aus den Divisionen herauszuziehen, da sie dort nicht zweckentsprechend eingesetzt würden. Es gelang ihm, Feldmarschall Kluge von der traurigen Lage früher einmal stolzer Schwadronen zu überzeugen. Seine ehemals eigene Schwadron bot hierzu reichlich Anschauungsmaterial.

Georg von Boeselager schlug vor, aus diesen Schwadronen, die über ausgezeichnete Offiziere verfügten, ein Reiter-Regiment aufzustellen. Dieses Reiter-Regiment sollte durch voll geländegängige, motorisierte, schwere Waffen verstärkt als Einsatzreserve der Heeresgruppe zur Verfügung stehen. Kluge war von der Aufstellung eines solchen Verbandes sehr angetan und sagte am nächsten Morgen zu Georg: „“Bitte gehen Sie zu Tresckow und regeln Sie mit ihm alle Einzelheiten““. Bei dieser Arbeit lernten Tresckow und Georg von Boeselager sich kennen und schätzen. Beide lehnten den Nationalsozialismus aus religiösen und moralischen Gründen zutiefst ab. Tresckow hatte nun für seine Attentatspläne einen Kommandeur gefunden, auf den er sich verlassen konnte. Georg von Boeselager schuf eine Truppe, die direkt der Heeresgruppe und damit Tresckow unterstand. Tresckow und die beiden Boeselager-Brüder waren fest davon überzeugt, auf diese Weise für den Sturz Hitlers eine zuverlässige Einsatztruppe zur Verfügung zu haben. Generalfeldmarschall von Kluge wird die Zusammenhänge wohl geahnt haben, er vermied es aber, sich in dieser Sache zu exponieren.

Der Reiterverband Boeselager

Am 14. Januar 1943 erging der Befehl zur Aufstellung des Verbandes, zunächst in einer Stärke von etwa 1.200 Mann. Kern der Truppe war die Reiterschwadron der Aufklärungsabteilung der 6. Infanteriedivision. Im Februar kamen noch 350 Kosaken dazu. Man erhielt auch schwere Waffen in Form von 10,5 cm Leicht-Geschützen, schweren Granatwerfern und schweren MGs. Im März 1943 erfolgte der Ausbau zum Kavallerieregiment Mitte. Das Regiment hatte schließlich 6.200 Mann und war so stark wie eine sowjetische Kavalleriedivision. Zur Bewaffnung waren inzwischen auch schwere Pak, Nebelwerfer und Panzerspähwagen hinzugekommen.

Während des Jahres 1943 wurde das Regiment an Brennpunkten der Heeresgruppe eingesetzt und hatte schwere Kämpfe zu bestehen. Zum Reiterverband traten im Laufe des Jahres eine Pionier-Gruppe, ein weiterer Pak- und ein Flakzug. Außerdem wurde eine Panzerkompanie angegliedert. Das Boeselagerregiment erhielt als eines der ersten das neue Sturmgewehr. Die Feuerkraft zweier solcher Gewehre entsprach der eines Maschinengewehrs. Philipp von Boeselager, damals Rittmeister, übernahm eine Abteilung (entsprechend einem Bataillon) des Regiments. Es ist hier nicht der Ort, die Einsätze des Regiments in den Jahren 1943/44 zu beschreiben. Es stand überall seinen Mann. Benachbarte und andere Einheiten und Verbände blickten mit Neid und Respekt auf die Reiter Boeselagers, mit Neid wegen der unkonventionellen Organisation, mit Respekt wegen der hervorragenden Leistungen. Es war immer eine Ehre für eine nicht zum Regiment gehörende Einheit, ihm auf Zeit zugeteilt oder unterstellt zu werden.

Die Truppe Boeselager hatte allerdings noch nicht die endgültige Form gefunden. Das Regiment wurde nämlich aufgestockt zu einer Brigade, zur 3. Kavalleriebrigade. Die Soldaten nannten sie kurz und bündig Brigade Boeselager. Aus zwei anderen Reiterregimentern, nämlich dem Kavallerieregiment Nord und dem Kavallerieregiment Süd, wurde die 4. Kavalleriebrigade gebildet. Diese beiden Brigaden und die 1. Ungarische Kavalleriedivision wurden zum Kavalleriekorps Harteneck zusammengestellt. Die Reitertruppe schien eine neue Zukunft zu haben.

Armee im Kleinformat

Die 3. Kavalleriebrigade, deren Aufstellung Georg von Boeselager durchführte und deren Kommando er nach zwei Interimskommandeuren übernahm (man tat sich zunächst sehr schwer, einen 29jährigen Offizier mit der Führung eines Verbandes zu beauftragen, der praktisch Divisionsstärke hatte), bestand aus zwei Reiterregimentern, von denen das eine von dem 27jährigen Philipp von Boeselager aufgestellt wurde, zwei Artillerieabteilungen, einer Sturmgeschützabteilung, einer schweren Abteilung mit Schützenpanzern, einer Panzerkompanie und einer Flak-Kompanie. Außerdem gehörten dazu eine Kosakenabteilung, eine Pionierkompanie, eine Nachrichtenabteilung, eine Feldersatzabteilung und eine Versorgungstruppe. Die Brigade war auf einen Soll-Bestand von rund 13.000 Mann ausgelegt, der Ist-Bestand erreichte eine Größe von über 10.000 Mann.

Hier haben wir wohl einen der interessantesten Verbände der gesamten Wehrmacht vor uns, in seiner Struktur einmalig, es war das Werk Georg von Boeselagers, bei dessen Erstellung ihm sein Bruder Philipp mit allen Kräften beigestanden hatte. Der Verband war eine komplette Armee im Kleinformat. Es gab natürlich Schwierigkeiten bei der Aufstellung: Mängel in der Ausbildung der zugeführten Kontingente, zu geringer Pferdebestand und ausgebliebene Materialausstattung. Boeselager überwand diese Widrigkeiten. Als die Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 zusammenbrach – die 4., 9. und 3. Panzerarmee mit 25 Divisionen zerschlagen wurden – waren es vor allem die Soldaten der Boeselager-Brigade, die immer wieder den Vormarsch des Feindes stoppten und mancher Infanteriedivision das Lösen vom Feinde ermöglicht haben.

In jenen schweren Wochen bekam die Brigade an der Ostfront einen legendären Ruf. Allein sie in der Nähe zu wissen, hat bei anderen Einheiten oft Verzagtheit behoben. Die Brigade war zu einer Elitetruppe in schwersten Abwehrkämpfen geworden. Und doch hatte ihre Aufstellung und ihre Organisation noch ein weiteres Ziel: Sie sollte die Kerntruppe zum Aufstand gegen die Herrschaft der Nazi-Diktatur werden. Boeselager wartete mit seinem Bruder und den engsten Vertrauten auf den Einsatzbefehl von General von Tresckow, der mit der Zentrale der Verschwörer im Oberkommando des Heeres in Berlin ständig in Verbindung stand.

Nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 spitzte sich die Lage immer mehr zu. Die Brigade Boeselager stand ununterbrochen im Einsatz, tauchte in den Flanken und im Rücken des Gegners auf. Sie trug wesentlich dazu bei, dass die sowjetischen Divisionen nicht schon in diesen Wochen und Monaten ungehindert bis ins Reichsgebiet einmarschierten. Die Frontlücke bei der Heeresgruppe Mitte betrug immerhin rund 400 km. In dieser Situation war es für die Verschwörer äußerst wichtig zu wissen, wie sich Generalfeldmarschall von Kluge, der inzwischen Oberbefehlshaber an der Invasionsfront in Frankreich geworden war, bei der Durchführung des Attentats verhalten würde. Zur Klärung dieser Frage schickte Tresckow Georg von Boeselager zum Feldmarschall. Kluge wich einer eindeutigen Stellungnahme aus, Boeselager kehrte enttäuscht zur Front zurück.

Das Drama läuft ab

Jetzt aber kamen die Dinge trotzdem ins Rollen. Tresckow beauftragte Georg von Boeselager, aus seiner Brigade und einigen anderen Einheiten einen größeren Einsatzverband zu bilden, der nach einem gelungenen Attentat die Kontrolle in Berlin übernehmen sollte. Die Durchführung der Bereitstellung dieses Verbandes stand unter dem Befehl von Philipp von Boeselager, der aus dem von ihm aufgestellten Regiment 1.200 Mann herauszog und sie gen Westen in Marsch setzte, um jenen Punkt zu erreichen von wo sie durch Transportflugzeuge nach Berlin eingeflogen werden sollten. Der Tag des Umsturzes war also gekommen, es war der 20. Juli 1944. Der Ritt unter der Führung von Philipp von Boeselager erfolgte in einem Höllentempo, alte Grundregeln der Kavallerie wurden nicht beachtet, etwa jene, dass man auf Kopfsteinpflaster nicht traben darf, aber so geschah es, als z. B. Brest-Litowsk passiert wurde.

Am Nachmittag erhielt Philipp von Boeselager von seinem Bruder die Eilmeldung, dass der Weiterritt abzubrechen sei, und dass nun die Order gelte, so rasch wie möglich wieder nach Osten zurückzureiten. Auf der schriftlichen Mitteilung stand allerdings nur der Satz: „“Alles in die alten Löcher““. Philipp von Boeselager war sich sofort des Inhalts bewusst. Es schien etwas schief gelaufen zu sein. Und wenig später bekam er die Nachricht, dass das Attentat nicht gelungen war.

Georg von Boeselager, der legendäre Reiterführer, fiel kurz danach Ende August 1944 an der Spitze seiner Brigade. Die Brigade selbst stand weiter im Einsatz bis zum bitteren Ende. Sein Bruder Philipp überstand den Krieg, allerdings um den Preis schwerer Verwundungen.

Auszüge aus:
Prof. Dr. Antonius John
20. Juli 1944 – Das Gewissen steht auf
Philipp Freiherr von Boeselager und der militärische Widerstand
http://www.kreis.aw-online.de/kvar/VT/hjb1994/hjb1994.13.htm

Herausgeber von pzaufkl.de/heeresaufklärer.de. PzAufklAusbKp 3/2, 3./PzAufklBTl 2, BrigSpz 5, Hessisch Lichtenau. div. Wehrübungen. Letzter Dienstgrad Olt.d.R. (vorl.)

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